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Vortrag Dr. Christian Maschke

 

 

Stand der Lärmwirkungsforschung – nächtlicher Fluglärm

Dr. Christian Maschke

 

 

Einleitung

Verkehrslärm in Form von Straßenlärm, Schienenlärm, oder Fluglärm ist in Deutschland und anderen europäischen Ländern die dominante Belästigungsquelle im Wohnumfeld. Aufgrund von lärmmedizinischen Erkenntnissen ist zu befürchten, dass diese Verkehrslärmexposition im Wohnumfeld mit erhöhten Gesundheitsrisiken verbunden ist.

Als Erklärungsmechanismus treten gestörte Erholungsprozesse immer stärker in den Vordergrund. Durch lang anhaltenden Lärmstress können körperliche Reserven erschöpfen, die Regulationsfähigkeit der Organfunktionen wird gestört und damit in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt [McEwen 1998, Sapolsky 1997].

Gesundheitliche Auswirkungen von starkem permanentem Lärmstress sind nach etwa 5 bis 15 Jahren in unterschiedlichen Funktionssystemen zu erwarten. Aufgrund dieser Stresshypothese wird Verkehrslärm als potentieller Risikofaktor für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen einschließlich Hypertonie und Herzinfarkt angesehen.

Eine der wichtigsten Erholungsprozesse des heutigen Menschen ist der ungestörte Schlaf. Lärm kann den Schlaf empfindlich stören. Aus diesem Grund ist der permanenten nächtlichen Lärmbelastung z.B. durch Flugverkehr besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Gültigkeit der "Stresshypothese" kann nur in umfangreichen epidemiologischen Studien geprüft werden, die erst in den letzten Jahren durchgeführt wurden.

Die Kenntnis über die gesundheitlichen Auswirkungen von nächtlichem Verkehrslärm auf die Gesundheit hat insbesondere der Spandauer Gesundheits-Survey verbessert.

Unter der Bezeichnung "Spandauer Gesundheits-Survey" (SGS) begann 1982 eine Untersuchungsreihe, die vom Robert Koch-Institut in enger Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Spandau durchgeführt wurde. Im SGS wurde der Gesundheitszustand der teilnehmenden Probanden periodisch im zeitlichen Abstand von zwei Jahren ärztlich überprüft. Die Teilnehmenden erhielten nach jedem "Gesundheitscheck" eine zusammenfassende medizinische Beurteilung und wurden bei auffälligen Befunden aufgefordert, sich in ärztliche Behandlung zu begeben.

Im neunten Durchgang wurde getrennt für den Tag und für die Nacht die Verkehrslärmbelastung der Probanden über die Datenbank der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ermittelt und durch 24h-Schallpegelmessungen kontrolliert.

So konnte die Häufigkeit ärztlicher Behandlungen in Abhängigkeit von der Schallbelastung am Wohnort als Querschnittstudie ausgewertet werden. Bei der Auswertung wurde zwischen der Perioden-Prävalenz (ärztliche Behandlung im Intervall zwischen dem achten und neunten Durchgang des SGS) und der Lebenszeit-Prävalenz (ärztliche Behandlung irgendwann im Laufe des Lebens) unterschieden. In die Auswertung gingen darüber hinaus zwölf Störvariablen ein, bei denen besonders hinsichtlich des Herz-Kreislaufsystems von einer Einflussnahme auszugehen war. Es waren dies: "Alkoholkonsum", "Bewegung im Beruf", "Body Mass Index", "Lebensalter", "Geschlecht", "Hörfähigkeit", "Jahreszeit der Untersuchung", "Lärmempfindlichkeit", "Partnerverlust in der Ehe", "sozio-ökonomischer Index", "sportliche Aktivität" und "Tabakkonsum" [Maschke et al. 2003].

Die Häufigkeit (Prävalenz) ärztlicher Behandlungen von arterieller Hypertonie zeigte am Tage einen deutlichen Anstieg bei Dauerschallpegel über 65 dB(A) (vor dem Wohnzimmerfenster), der jedoch statistisch nicht signifikant war.

Im Gegensatz zur Verkehrslärmbelastung am Tage konnte bei nächtlichen Dauerschallpegeln vor dem Schlafzimmerfenster ein erhöhtes Risiko für arterielle Hypertoniebehandlungen statistisch abgesichert werden (Abbildung 1). Das relative Risiko lag bei einer nächtlichen Schallbelastung über 55 dB(A) bei 1,9 (p = 0,019), in der Schallpegelklasse 50-55 dB(A) bei 1,7 (p = 0,021), im Vergleich zur Referenzkategorie mit einem äquivalenten Dauerschallpegel unter 50 dB(A). Der signifikante Trend (p = 0,026) unterstützt nachhaltig die Annahme einer Dosis-Wirkungsbeziehung. Für die Lebenszeitprävalenz ergab sich ein vergleichbares Risikoprofil.

 

Abbildung 1: Odds Ratios und 95% Konfidenzintervall für die Perioden- und Lebenszeit-Prävalenz von ärztlichen Behandlungen arterieller Hypertonie in Abhängigkeit vom nächtlichen äquivalenten Dauerschallpegel durch Straßenverkehr am Wohnort der Probanden im vollständigen Modell (über den Vertrauensintervallen ist jeweils die Anzahl der erfassten Hypertoniebehandlungen vermerkt).

 

Der Spandauer Gesundheits-Survey zeigt, dass mit steigenden nächtlichen Dauerschallpegeln das Risiko für eine Hypertoniebehandlung monoton ansteigt. Dieses Ergebnis bestätigt die These, dass die nächtliche Schallbelastung als Stressor – direkt oder indirekt durch gestörten Schlaf – für erhöhte Erkrankungsrisiken (mit) verantwortlich gemacht werden kann.

 

Diskussion

Die Erkenntnissicherheit das nächtlicher Verkehrslärm am Wohnort das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, hat sich durch die Ergebnisse des SGS erhöht und muss heute als sufficient (ausreichend) bezeichnet werden. Die biologische Plausibilität (Stresshypothese) ist unbestritten. Für einen kausalen Zusammenhang ist darüber hinaus zu fordern, dass die Exposition der Krankheit vorausgeht, oder ein Zusammenhang logisch nur in eine "Richtung" erklärt werden kann. Das ist im Spandauer Gesundheits-Survey der Fall, da es keinen vernünftigen Grund dafür gibt, dass Erkrankungsraten die Verkehrsgeräusche beeinflussen. Zu den weiteren Kriterien, die eine Kausalitätsbeziehung unterstützen, gehört nach Ausschluss von Verzerrungen – die Stärke der Beziehung, ausgedrückt durch das relative Risiko, sowie das Absichern einer Dosis-Wirkungs-Beziehung. Die Auswertung der Daten erfolgte im SGS mit einem umfangreichen Kontrollvariablensatz. So sind starke Verzerrungen mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen. Die ermittelten relativen Risiken lassen darüber hinaus eine klare Dosis-Wirkungs Beziehungen erkennen.

Vor diesem Hintergrund hat sich auch der Sachverständigenrat 2004 erneut mit der Verkehrslärmproblematik beschäftigt und erklärt, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Lärmbelastungen und einer Beeinträchtigung der Gesundheit unbestritten existiert.

"Es ist unbestritten, dass akute und chronische Lärmbelastungen zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit führen können, auch wenn der Schallpegel unterhalb der Schwelle für Gehörschäden liegt". ([SRU 2004], Tz 634).

Neben der Erkenntnissicherheit hat sich auch die lärmmedizinische Erkenntnislage verbessert. Aufgrund der Ergebnisse des Spandauer Gesundheits-Surveys ist bereits von einem relevanten und signifikant erhöhten Hypertonierisiko bei nächtlichen Dauerschallpegeln von 50-55 dB(A) auszugehen. Der Bereich von 50-55 dB(A) entspricht in der Terminologie der regulatorischen Toxikologie einem LOAEL (Lowest Observed Adverse Effect Level), also der geringsten Dosis, bei der erhöhte Risiken für das Herz-Kreislaufsystem abgesichert werden konnten. Da Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit auf eine Vermeidung von Erkrankungen abzielen, müssen Richtwerte grundsätzlich unterhalb des LOAEL für Herz-Kreislauferkrankungen liegen. Als Begrenzung ist daher der NOAEL (No Observed Adverse Effect Level) heranzuziehen, also die höchste Dosis, bei der bisher erhöhte Risiken für Herzinfarkte beobachtet, aber noch nicht abgesichert werden konnten. Die untere Grenze der Schallpegelkategorien 50-55 dB(A) kann als NOAEL interpretiert werden.

Als Schwelle für verkehrslärmbedingte Herz-Kreislauf Erkrankungen sind demzufolge nach heutigem Erkenntnisstand Immissionspegel von Leq = 50 dB(A) in der Nacht anzusetzen. Wird aus den Ergebnissen des Spandauer Gesundheitssurvey das Risiko für die Bevölkerung berechnet (populationsattributales Risiko), so ist davon auszugehen, dass etwa 17 % aller Hypertoniefälle vermieden werden können, wenn der nächtliche Dauerschallpegel 50 dB(A) nicht übersteigt.

 

Schlussbemerkung

Der Spandauer Gesundheits-Survey bestätigt auf epidemiologischer Ebene, dass eine starke nächtliche Verkehrslärmbelastung in der Wohnumgebung die Erkrankungshäufigkeit der Anwohner erhöht. Verkehrslärm wird demzufolge mit Recht als Umweltstressor bezeichnet. Es ist aber nicht angebracht, Verkehrslärm nur als Stressor im engen physiologischen Sinne von Selye [1953] zu betrachten. Die lärmbedingte gesundheitliche Beeinträchtigung ist am Tage mit der Fähigkeit des Individuums verknüpft, die (Lärm-)Belastung zu bewältigen.

Bei einer Beurteilung von Umweltlärm in Wohngebieten hinsichtlich von Gesundheitsbeeinträchtigungen sind daher sowohl der gestörte Schlaf als auch eine unzureichende Bewältigung der Geräuschbelastung, die sich als Störung oder Belästigung ausdrücken kann, zwingend zu berücksichtigen.

 

Literatur

Maschke, C./Wolf, U./Leitmann, T. (2003): Epidemiologische Untersuchungen zum Einfluss von Lärmstress auf das Immunsystem und die Entstehung von Arteriosklerose. Anschlussbericht des Forschungsvorhabens Z. 2.2-60424/107, Umweltbundesamt. Berlin

McEwen, B. S. (1998): Stress, Adaptation, and Disease. Ann NY Acad Sci 840, 33-44

Sapolsky, R. M./McEwen, B. S. [1997]: Induced Modulation of Endocrine History: A Partial Review. Stress 2 (1), 1-12

Selye, H. (1953): Einführung in die Lehre vom Adaptationssyndrom. Thieme Verlag, Stuttgart

SRU – Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen [2004]: Umweltgutachten 2004 – Umweltpolitische Handlungsfähigkeit sicher. Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden

 

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